Die Kirche lässt sich nicht retten. Also hört auf davon zu reden. Solche Vorschläge setzen unter Druck. Sie verstärken auf allen Seiten das Gefühl der Unzulänglichkeit. Warum das aus meiner Sicht so ist und, wie ein Ausweg aussehen könnte, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Vieles wirkt so angestrengt, was Kirchen anbieten.
Und das Angebot der Kirchen in Deutschland ist breit gefächert. Neben Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen gibt es viel Neues zu entdecken. Und so einiges davon ist richtig gut.
Trotzdem hört man so oft die bange Frage: Ob auch genug Leute kommen? Viele engagierte Menschen, Ehrenamtliche und Hauptamtliche, geben sich viel Mühe. Es soll gut werden, es sollen endlich mal wieder richtig viele Menschen kommen, es soll voll werden.
Das ist Arbeit gegen den Trend: Mitglieder werden weniger, Finanzen knapper, Stellen gestrichen, Kirchentüren für immer geschlossen. Es wäre doch so schön, wenn wenigstens in der eigenen Gemeinde was los wäre – Wachsen gegen den Trend.
Leider sind die Menschen, die austreten wollen, mit all den guten Angeboten kaum zu erreichen. Das liegt daran, dass der Gottesdienst Besuch bei durchnschnitt 6% liegt1, wobei es natürlich leichte Schwankungen nach oben und unten gibt. Selbst wenn Gemeinden den Besuch durch gute Angebote steigern können, werden rund 90% einfach nicht erreicht. Sie können nicht überzeugt werden, weil sie gar nicht da sind.
Das ist erst einmal nur eine Beobachtung. Wichtig ist, was sie auslöst bei denen, die Kirche machen: Frustration.
Wenn ich ältere Kollegen und Kolleginnen nach ihren Erfahrungen frage, höre ich oft Verbitterung heraus. Es ist die Generation, die oft viel gegeben hat, Gesundheit und Familienzeit geopfert hat und jetzt merkt: Es gibt keine „Ernte, die sie jetzt einfahren können“, so sagte es ein Pfarrer mal. Man hat so viel geleistet und doch – gefühlt – so wenig erreicht.
Es geht mir gerade nicht darum, fehlenden Gottesdienstbesucht zu bemängeln. Es geht mir auch nicht darum, Modelle von Kirchemitgliedschaft oder – zugehörigkeit zu diskutieren. Es geht mir um das Gefühl von Leuten, die Kirche mit viel Herzblut machen, die Tolles auf die Beine stellen, Alles möglich machen – und oft so wenig zurückbekommen. Übrigens ja, Viele machen Dienst nach Vorschrift und ich kenne auch so einige schlechte kirchliche Angebote. Dienst nach Vorschrift ist oft eine Schutzhaltung; viele haben gelernt, dass dieses System von Kirche Engagement, Kreativität und Einsatz nicht belohnt.
In diesem System sind sämtliche Vorschläge, was man „verbessern“ könnte, ohne Auswirkung. Die Kirche lässt sich nicht retten. Also hört auf davon zu reden. Das sind Illusionen. Sie setzen unter Druck. Sie verstärken auf allen Seiten das Gefühl der Unzulänglichkeit.
Es kommt nur der Gedanke auf: Ach, das könnten wir ja auch noch machen. Ja, was denn alles noch?
Ich lese dann Vorschläge wie: Kontakte maximieren. Wenn Pfarrpersonen in der Woche 5 Kontakte hätten, sollten sie nächste Woche 6 machen und das dokumentieren. Quantifizierung also. Oder der Vorschlag: Mehr neue, innovative Formate, Konzepte, Ideen. Mehr Qualität wurde gerade wieder gefordert. Oder mehr Social Media. Oder mehr Marketing: Das Angebot sei gut, man müsse sich ja nur besser verkaufen. Oder anderes Mehr….
Egal welches „Mehr“ und egal wie wirklich gut gemeint das ist- es wird die Kirche nicht retten. Damit will ich nicht sagen, dass die Kirchen sich nicht strukturell verändern müssten. Das müssen sie, um sich der Realität anzupassen. Aber in diese Realität wird das vorgeschlagene „Mehr“ noch weniger passen: Woher soll das Mehr kommen, wenn unter dem Strich die Ressourcen auf allen Seiten immer nur weniger werden?
Meines Erachtens führt das in ein Dilemma. Eines, das mich gelegentlich frustriert. Ich investiere gerne Zeit in meine Arbeit, vor allem in Predigten. Ich nehme meinen Auftrag, meine Berufung ernst: Ich möchte, dass Menschen mit Gott in Kontakt kommen. Natürlich setzt sich Gott mit seiner Präsenz selbst durch, aber von ihm zu erzählen, finde ich absolut grundlegend. Von ihm als einem anwesenden und lebendigen Gott zu sprechen, erachte ich für wichtig für mein Leben. In der Ausbildung wurde mir gesagt, ich solle nicht jedes mal eine kunstvoll ausgestaltete Predigt schreiben, ich solle auch mal was übernehmen oder nochmal wieder verwenden. Das war als freundlicher Ratschlag gemeint, um meine Arbeit zu erleichtern. Ich finde es schade, dass diese Denkweise entsteht. Aber ich habe auch erkannt, dass sie oft sogar lebensnotwendig ist für so manche Pfarrperson.
Also, was tun? Einfach aufgeben? Es ganz sein lassen? – so manche Kolleg*in höre ich dieser Tage so reden. Sie wollen aufhören, sie können nicht mehr, es ist alles zu viel. Ein Gefühl der Sinnlosigkeit im eigenen Tun schleicht sich ein.
Ich habe für mich 2 Antworten auf dieses Dilemma gefunden:
Zum einen geistlich: Ich versuche mich mehr und mehr als jemand zu sehen, die auf Gott verweist. Die Kirche retten zu können, wäre eine große Ehre und Gnade. Die Kirche wirklich verändern zu können, wäre ein Wunder. Reformatoren und Reformatorinnen hat es Viele gegeben. Einen echten nachhaltigen Impact haben eher wenige erreicht. Wir können nicht alle Martin Luther sein. Und selbst der hat Gott um Rettung gebeten und glaubte alles nur, aus dessen Kraft heraus schaffen zu können. Etwas Demut täte so manchem Kirchen-Rettungs-Plan gut.
Zweitens, praktisch: Bei mir selbst bleiben, das machen, was mir Freude macht und hoffen, dass ich damit andere anstecken kann. Das ist urchristlich. Und dazu gehört übrigens auch, wie Paulus betont, den anderen ihre Freude zu lassen, sie bei sich selbst bleiben lassen. Solange ihr Glaube und ihr Tun niemandem schadet und ihnen selbst nützt: Machen lassen2.
Und damit wären dann endlich mal die lästigen Geschmacksfragen geklärt. Es gibt keine besseren oder schlechteren Gottesdienst Formate – es gibt nur einen, bei dem ich mitfeiern kann oder nicht. Das ist dann eine individuelle Entscheidung und bedarf weder einer Rechtfertigung noch einer Verurteilung des Formats, das ich dann eben nicht für mich nutzen kann. Gruselgottesdienste, Taylor Swift Gottesdienste, Pop Up Church – ist doch super, wenn es das gibt. Wenn Viele mitfeiern können, umso besser. Und Wenn niemand mitfeiern kann, muss man es einfach lassen.
Ihr lieben Kirchenleute, ich möchte euch eins wirklich geben, von Herzen:
Habt Freude. Sich im Namen Gottes zu treffen, ist ein Segen. Dafür braucht sich niemand zu verbiegen. Niemand. Macht die Gottesdienste und Angebote, die ihr auch gerne besuchen würdet.
Feiert mit ganzer Seele und all eurem Herzen, genießt es und habt Freude – dann lacht Gott mit euch!
Und vielleicht noch wichtiger: Lasst die Dinge sein, die keine Freude bereiten. Lustlose Pflicht Veranstaltungen helfen nicht. Ich glaube auch, dass die meisten lieber an etwas teilnehmen, wo jemand voll dahinter steht- und nicht an einem Format, das ihm oder ihr übergestülpt wurde. Ich habe sowohl Mitleid mit der Kollegin, die beim Familien Gottesdienst die Super Entertainerin machen soll und sich ärgert, dass die Kinder bei ihrer halbstündigen Predigt dazwischen schreien als auch mit dem Prädikanten, der gern mal was Neues ausprobieren würde, aber von dem erwartet wird, immer den gleichen Ablauf herunter zu beten. Lasst sie doch beide so machen, wie sie gerne Gott feiern. Und wem das Angebot in der eigenen Gemeinde nicht gefällt, ist immer frei, sich den Ort zu suchen, wo er oder sie gut mitfeiern kann. Zu entscheiden, welches Format mein Gottesdienst ist, ist Teil spiritueller Mündigkeit. Der eine oder die andere mag einwenden, dass dies zwar einfach klingt, aber auch mit einigen Hürden verbunden ist. Sich selbst ein passendes Gottesdienstformat suchen zu können, ist mit Flexibilität und Mobilität verbunden. Die Alternative, lustlose Gottesdienst mit einem Pfarrer und einer Organistin zu feiern, die beide kurz vorm Burnout stehen samt enttäuschten Ehrenamtlichen, weil die Kirche schon wieder nicht voll ist, erscheint mir jedoch mometan aus vielen Gründen noch problematischer.
Und dann? – Wie weiter? Rettet das dann die Kirche? Natürlich nicht!
Das soll kein versteckter Rettungsplan sein.
Vielleicht ist es eher eine Übung:
Darauf hören, wann ich wirklich Gott feiere und wann Gott sich mit freut.
Eure Theotabea
Mehr zum Thema von mir für euch: Wirksamkeit der Kirche
- „Nur 6 Prozent gehen mindestens einmal in der Woche in Kirche, Synagoge oder Moschee.“ So eine Umfrage von 2023, den Artikel dazu findet ihr auf der Website von domradio. ↩︎
- Dazu ein Auszug aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 15:
„Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind, und nicht Gefallen an uns selber haben. Ein jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.
Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen […] Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ (Verse 1-3a und 7) ↩︎
[…] Der Schlusslink kommt von meiner Kollegin Theotabea. Sie spricht sich dafür aus, die Kirche nicht zu retten, sondern in ihr das zu tun, was einem Freude bereitet. Ich tendiere in eine ähnliche Richtung, aber Theotabea formuliert es viel optimistischer und fröhlicher, als ich es könnte oder überhaupt wollte: „Hört auf, die Kirche zu retten und habt Spaß“. […]
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