Die Zukunft der Kirche und warum ich nicht die Leitsätze leid bin, aber die Diskussion leidet

Ich weiß nicht, wie es euch mit den neuen Zukunftspapier der EKD geht – Jedenfalls habe ich die Diskussion leid, die von oben gestartet wird, von oben weiter diskutiert wird und von oben kritisiert wird, dass alles nur von oben diskutiert wird. Dann lasst uns doch endlich reden! – auch auf Social Media.

Seit ein paar Wochen höre ich viel Negatives über die 11 Leitsätze der EKD für eine Kirche auf gutem Grund. Erik Flügge nennt die Leitsätze sogleich Leidsätze. Kritik von Flügge war auch zu erwarten, denn so viel Gutes hat er bisher ja auch noch nicht über die Kommunikation der Kirche gesagt. Ulrich Körtner beklagt, dass Gott in dem Papier reduziert und nicht ernst genommen würde. Eine Kritik, die auf die Ausrichtung der Kirche zielt und deren „Gottlosigkeit“ er sicherlich auch vor Erscheinen des Papiers schon so hätte äußern können. Reinhard Mawick überschreibt seinen Artikel mit „Sommer der Debatte“ und äußert zugleich den Wunsch:
Es „ […] könnten sich wohl doch einige Diskussionen entzünden, denn ob alle Landeskirchen und Pfarrerinnen und Pfarrer so ’sehr liberal‘ geworden sind, wäre eine neue Entwicklung …“ Es könnte sich eine Diskussion entzünden. Ja, aber tut es das? Rainer Anselm kritisiert, dass die Diskussion nicht stattfände und hält fest, dass das Papier wie von oben verordnet wirkt. Er wünscht sich von der evangelischen Kirche eine Diskussion, die auf Teilhabe basiert und auf allen Ebenen geführt wird.

Was mir an der leidigen Diskussion auffällt

Erstens fällt mir an der ganzen Diskussion auf, dass kaum jemand etwas Positives über das Papier zu sagen hat. Einige Ansätze finde ich eigentlich ganz gut. Wie zum Beispiel klar zu sagen, dass die Zukunftsperspektive eine geistliche ist oder sich im öffentlichen Reden stärker vom Evangelium, der Botschaft von Gott, leiten zu lassen oder die Chancen medialer und digitaler Glaubens-Kommunikation stärker nutzen zu wollen – oder oder oder … das finde ich gute Ansätze! 

Zweitens fällt mir auf, dass die Debatte eher stockend geführt wird und sich über den Sommer schleppt wie schwere Wolken, die nicht abregnen. So tröpfeln die Beiträge zur Debatte auch eher ein als dass sie fließen würden.

Drittens fällt mir auf, dass in der Presse vor allem männliche Akteure und Theologen zu Wort kommen. Evangelisch.de titelt wenig inklusiv, dafür vielleicht sachlich korrekt: „Theologen diskutieren über EKD-Zukunftspapier“: Einzige weibliche Stimme, die mir zum Thema aufgefallen ist, ist die von Angela Rinn, deren theologischer Beitrag scheinbar nicht ausreicht, um davon zu sprechen, dass Theologen und Theologinnen das Zukunftspapier diskutieren würden.

Und als letztes und das ärgert mich ein bisschen als jemand, die viel in Social Media macht: Es wird festgehalten, dass auf Social Media rege über das Papier gesprochen wird. Ja, aber niemand macht sich die Mühe, darauf einzugehen. Ich meine, wo äußern sich denn Kirchenmitglieder und Kirchlich Verbundenen, diejenigen, die kein festes Amt innehaben oder eine akademische Position bekleiden, diejenigen, die doch im Verständnis der evangelischen Kirche nicht nur gehört, sondern auch aktiv gestalten sollten, was Kirche ist?

Niemand, wirklich niemand macht sich die Mühe, die Diskussion auf Social Media wahrzunehmen?

Ganz stimmt das nicht. Ich kenne ein Gegenbeispiel. Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass der folgende Absatz ein klein bisschen Werbung beinhaltet und setze darauf, dass ihr mir das gestattet, weil es eine wirklich gute Sache ist.

Die EKHN, meine Landeskirche, auf die ich jetzt mal echt stolz bin, hat mit Usern und Userin auf Social Media diskutiert und mehr noch: Im Medienhaus in Frankfurt gab es eine Live-Talkrunde, bei der jeder und jede Kommentare und Anfragen unkompliziert mitteilen konnte. Das Format war sicher nicht perfekt und es gibt immer mehr Möglichkeiten, mehr Menschen teilnehmen zu lassen. Aber: Das ehrliche Angebot, auf Input einzugehen verbunden mit der Zusage, dieses weiter zu reichen, ist doch ein Anfang. Etwas Ähnliches oder noch Besseres hätte ich mir vom Zukunftsteam der EKD gewünscht: Dass sich Leute hinstellen, mit den Menschen reden und zwar nicht nur ihren eigenen Inhalt senden, sondern eine echte Kommunikation starten. Eine Kommunikation, die aus beiderseitigem Dialog besteht. Und, dass Menschen Interesse an der Zukunft der Kirche und deren Gestaltung haben, zeigt die tolle Aktion von @ja.und.amen auf instagram zum Thema „Ich träume von einer Kirche“, die gleich eine Flut von Beiträgen ausgelöst hat.

Was ich aus dem Dialog auf Social Media über die Zukunft der Kirche lerne

Ich habe die Diskussion der EKHN über das Papier des Zukunftsteams der EKD nicht nur verfolgt, ich war teilweise auch mit dabei. Was ich persönlich daraus lerne ist, dass Menschen sehr unterschiedliche Zugänge zu Kirche haben: Manche kommen über die Kirchenmusik, über Jugendarbeit, über sehr Frommes, über sehr Liberales, über den Wunsch (diakonisch) zu helfen, über die Frage nach dem Sinn des Lebens, über den Wunsch nach Gemeinschaft… ich frage mich, wie eine Kirche all das vereinen kann. Es gibt so viele Wünsche und Erwartungen an Kirche!

Ich nehme zwei starke Erwartungen wahr, die sich ausschließen: Die einen wollen die Gemeinde vor Ort stärken, denn der Kirchturm am Ort und die Kirchenglocken sind ihnen das sichtbare Zeichen von Kirche. In der Gemeinde vor Ort wollen sie Jugendarbeit und Kirchenmusik und Bibelkreise sehen. Angebote, die Leute an Kirche binden und Lust auf Glauben machen. Die anderen wollen, dass die Kirche stärker in der Gesellschaft aufgeht, im sozialen Raum mit anderen zusammenarbeitet und klar Stellung zu gesellschaftlichen Fragen bezieht. Eine Kirche, die in großen Strukturen breite Angebote von Seelsorge, Bildung usw. für alle macht. 

Diese beiden Wünsche stehen in Spannung zueinander, denn das eine ist ein zentrales, das andere ein dezentrales Modell. Das eine denkt zuerst an die eigenen Mitglieder und ist auch inhaltlich fokussiert, das andere will für alle da sein und muss daher auch inhaltlich mehr Weite zeigen. Wie soll beides zusammengehen? Ist das ein Dilemma, das wir nicht lösen können?

Vielleicht nicht, wenn wir die Zukunft der Kirche aus einer anderen Fragerichtung heraus betrachten.

Geistliche Krise oder strukturelle Krise?

Das habe ich euch auf Twitter gefragt und viele von euch sagten ganz klar: Ja, es ist eine geistliche Krise. Schön auf den Punkt gebracht von @chrittig:

Das hat mich bestärkt, den Gedanken der geistlichen Krise weiter zu denken. Und ich habe das Gefühl, wir verzetteln uns in Strukturdebatten. Das ist leicht als Berufsanfängerin zu sagen und ich weiß, dass viele Strukturen gewachsen sind und ihren Sinn haben, bitte versteht mich nicht falsch. Aber Strukturen haben ja keinen Eigenwert, sondern bilden Inhalt ab. 

Ein Bild, das Screenshot enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

In dieser Richtung, die @druzim vorschlägt, möchte ich weiterdenken! Die Strukturen sind nicht unwichtig, aber sie ergeben sich aus dem Inhalt und dienen dem Inhalt – noch frömmer ausgedrückt: Die Kirche dient Gott und nicht sich selbst. 

Und was jetzt? – Das ist offen und muss offen sein!

Wie es jetzt weitergeht, weiß ich auch nicht. Die Frage von @digisoulcare trifft ins Schwarze:

Ein Bild, das Screenshot enthält.

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Ist meine Antwort zufriedenstellend? Vermutlich nicht. Vermutlich nicht einmal für mich selbst. Aber gerade kann ich nicht anders. Ich möchte mit euch zusammen fragen, was Gottes Wille für seine Kirche ist und mich auf den Weg machen, ich möchte mehr zuhören als Vorschläge machen, ich möchte beten und Bibellesen und Glaubenserfahrung austauschen.

Ob das ausreicht? Keine Ahnung. Aber vielleicht haben wir ja schon etwas erreicht, wenn wir kirchlich noch mehr in demokratischen Diskussionskulturen denken und handeln lernen, wenn Social Media keine Dauersendung von Kirche ist, sondern echte Kommunikation bedeutet und, wenn die Kirche Formate entwickelt, in denen alle zu Wort kommen. Das ist anstrengend.

Aber Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2 Timotheus 1,7). Da sollten wir uns nicht vor einer echte Diskussion fürchten – und müssen keine Angst vor Debatten auf Social Media haben.

Ein Mutmacher am Ende

Mut macht mir da der Artikel von Sabrina Hoppe, sie schreibt: „Ich will in einer Kirche Pfarrerin sein, die um ihr Leben kämpft.“ Will ich auch! Vielleicht noch drastischer: Um Leben und Tod. Und obwohl Sabrina Hoppe aufs Ganze geht, vermittelt mir ihr Artikel eine Leichtigkeit, die für mich inspirierend ist. 

Mut macht auch, dass es einen Hashtag gibt, um über die Zukunft der Kirche zu reden: #KircheMorgen. Bitte benutzt ihn! Ich werde ihn so gut es geht, beobachten, begleiten und versuchen, auf Beiträge dazu eingehen.

Lasst uns in diesem Geist weiterdenken und reden, in Gottes Geist.
Eure Theotabea

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