In der Corona-Krise: Warum ich einem Kuschelgott gerade jetzt nichts zu sagen habe

Gott ist die Liebe

Ja, das ist er. Im biblischen Zeugnis ist uns diese Ansicht überliefert, genauer im Brief des Johannes (1. Johannes 4,16). Ich glaube an diese Vorstellung. Ich glaube auch, dass Gott uns in seiner Liebe geborgen hält – vor allem in einer Krise und von einer Krise reden wir ja momentan, wenn wir „Corona“ sagen. Soviel vorweg und als Grundlage.

Gott hat auch Schattenseiten

Ich habe euch gefragt, ob ihr auch Zweifel habt. Ob neben dem Gottvertrauen, das momentan so hilfreich ist, nicht auch Zweifel bestehen …

Mein Impuls zu der Frage, wie Gott momentan handelt und, wie ihr das seht

Es gab eine kontroverse Diskussion, die ich gar nicht wiederholen mag. Ich möchte auch nicht in problematische Gedankenfiguren abrutschen. Ich glaube nicht, dass die Coronakrise „die Handschrift des Satans“ trägt oder es eine „Strafe Gottes“ darstellt. Aber: Ich kann und will das Böse in der Welt nicht einfach wegdiskutieren. Ich kann es ehrlich gesagt nicht akzeptieren, das Böse in der Welt.

In der Krise hilft mir die Kuscheltheologie nicht

Mir hilft die Kuscheltheologie gerade nicht weiter, im Gegenteil macht es mich eher etwas wütend, an den lieben Gott verwiesen zu werden, der durch eine Krise hindurch trägt. Ich will Gott anklagen. Ich will ihm vorwerfen, dass ich nicht einverstanden bin mit dem, was passiert. Und ich will ihn auffordern, endlich einzugreifen! Und so bitte ich Gott in den letzten Tagen sehr oft: Tu etwas gegen die Ausbreitung dieses Virus, beende die Krise!

Gott ist die Liebe. Aber …

… Gott ist nicht nur die Liebe! Ich habe mit den Kindern meiner zweiten Klasse angefangen, über Moses und das Gottesbild in dieser Geschichte nachzudenken. Ich mag Kinder; sie sind ehrlich, sie stellen Fragen, sie glaube nicht, immer schon alles zu wissen. Da haben sie uns Erwachsenen etwas voraus. Die Kinder haben mich gefragt, warum Gott das Böse schickt – und die Plagen sind etwas Böses. Da ordnet ein Gott doch wirklich an, alle erstgeborenen Kinder der ägyptischen Familien töten zu lassen (Exodus 11). Ich will nicht sagen, dass das mein ganzes Gottesbild auf dieser Erzählung beruht. Nur so viel: Die Erzählung der 10 Plagen steht in unserem Zeugnis des Glaubens, in unserer Bibel. Das lässt sich nicht weg diskutieren. Es hat nichts damit zu tun, dass ich Plagen, Naturkatastrophen und Krankheit pauschal mit Gottes Willen und Gottes Strafe gleichsetzen wollte. Gott straft die ägyptischen Familien ja nicht aus Boshaftigkeit, sondern um Gerechtigkeit durchzusetzen. Er ist ein starker Gott und er handelt, um die israelitische Bevölkerung zu befreien. Ein Gott, der nichts tun, kann auch niemanden befreien und niemandem helfen.

Ist das Böse wirklich Gottes Wille?

Wieso haben wir diese biblischen Texte, in denen Gott so grausam handelt? Diese Geschichte, in denen Gottes Wille offenbar lebensfeindlich ist? 

Gerade was das Thema Krankheit angeht, habe ich persönlich viel über das Böse und über Gottes Willen nachgedacht. Das ist bei mir biografisch bedingt. Am Ende ist es ein Wunder, dass ich lebe und dafür bin ich Gott dankbar. Gleichzeitig habe ich durch das Ringen mit dieser Erfahrung etwas gelernt: Ja, ich habe dafür gebetet, dass Gott Krankheit beenden soll, wenn er nur will. Und ich dachte, wenn ich nur fest daran glaube, würde er das umsetzen. Das hat er nicht getan. War mein Glaube zu schwach?, habe ich mich gefragt und gemerkt, dass die Frage so nicht weiterhilft. 

Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass bestimmte Dinge zu meinem Leben dazu gehören, dass sie mich ausmachen, dass sie auf meinem Lebensweg sind. Und mich beruhigt, dass Gott meinen Lebensweg von Anfang bis Ende überblickt. Das gibt mir das Gefühl, dass mein Leben sinnhaft ist. Das heißt nicht, dass ich Krankheit oder schlechte Erlebnisse als Strafe Gottes sehe. Sondern eher dass auch die Schatten Teil meines Lebens sind, sie kommen von Gott wie alles andere, was er mir gibt. Er hat sich etwas dabei gedacht, mir diese Schatten zu geben. Was er sich gedacht hat, weiß ich auch nicht immer. Das frage ich ihn. Aber zu wissen, es gibt einen Sinn, das hilft mir. Dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit lasse ich mir nicht von einer Kuscheltheologie nehmen, die sagt, dass Gott für das Schlechte in meinem Leben nicht verantwortlich sein kann. 

Ein immer nur „lieber“ Gott ist weder Gott noch lieb

Mir ist und war es immer schon zu einfach zu sagen, dass Gott für das Schlechte nicht verantwortlich ist. Dass es Prozesse in der Natur gibt, die von selbst funktionieren. Dass Gott zwar irgendwie für mich mit seiner Liebe da ist – aber er einfach nichts für mich tut. Ein Gott, der nicht handelt, ist für mich kein Gott. Und wenn sich Gottes Liebe in nichts zeigt und er nur ohnmächtig zu schaut, dann bleibt seine Liebe eine Behauptung. 

Für mich gilt: Gott ist die Liebe und deswegen handelt er – in Liebe. Gott gibt und Gott nimmt, so ähnlich steht es im Buch Hiob im ersten Kapitel. Das klingt für mich nach einem aktiven Gott, nicht nach einem passiven Beobachter.

Den allmächtigen Gott kann ich wenigstens anklagen

Ich habe gelernt, dass es eine Hilfe ist, auf Gott zu schimpfen. Ihn verantwortlich zu machen. Das ist für mich kein Dogma und kein Glaubenssatz: Der allmächtige Gott. Er ist für mich eine Adresse und er ist jemand, mit dem ich ringen kann. Das brauche ich: Keinen liebevollen Papi, der zu allem Ja sagt, aber nie etwas macht. Ich brauche einen starken Gott, der manchmal auch ein Gegner ist, dem ich sagen kann, dass ich die ganze Lage auf der Welt beklage. Dem ich sagen kann, dass er endlich etwas tun soll. Dem ich vorwerfen kann, dass er nicht handelt.

Gott spüren – in der Auseinandersetzung

Nur ein Gott, der alles in der Hand hält, dessen Wille sich überhaupt in der Welt und im Weltgeschehen zeigt, ist für mich greifbar. Der Gott, der allmächtige Vater im Himmel – er ist es, den ich ansprechen, anrufen und anklagen kann. 

Léon Bonnat: Jakob wrestling with the Angel, 1876

Und ich glaube ehrlich gesagt auch, dass Gott meine Wut und meinen Zorn aushält. Mir bedeutet die Geschichte von Jakob am Jabbok sehr viel, in der Jakob bis zum Morgengrauen mit Gott ringt (Genesis 32). Er geht mit einer Verletzung aus der Begegnung heraus, aber auch mit einem Segen. So fühle ich mich oft in meiner Gottesbeziehung. Ich will Gott spüren in der Auseinandersetzung.

Für mich ist es leichter, mit ihm zu streiten als gar nicht mehr miteinander zu reden. Der Glaube würde für mich da aufhören, wo ich Gott nichts mehr zu sagen hätte. Dem rosaroten Wolken-Flausch- Gott habe ich nichts zu sagen. Mit dem Gott im Gewitter kann ich mehr anfangen. Zumal die Luft bekanntlich nach einem Gewitter besonders frisch ist.

Lieber einen erschütterten als einen zerstörten Glauben

Oder anders: Ich nehme lieber eine Erschütterung des Glaubens hin – als eine Zerstörung deshalben. Nach meiner Ansicht wird der Glaube durch jede Erschütterung getestet und ist nach jedem Test etwas fester. Das heißt nicht, dass er am Ende bruchsicher ist, nichts kann davor schützen. Aber dass ich für mein Glaubensleben etwas dazu lernen kann, das glaube ich schon. 

Im Anschluss also eine Bitte: Respektiert die Glaubensressourcen eurer Schwester und Brüder! 

Es gibt nicht den richtigen Umgang mit einer Krise oder mit dieser Krise. 

Wenn euch unerschütterliches Gottvertrauen hilft: Vertraut Gott.

Wenn ihr in dieser Krise etwas tun wollt: Fragt Gott, was ihr tun könnt und die Leute um euch herum, was sie brauchen und seid vernünftig, was unter diesen Umständen sinnvoll ist.

Wenn euch singen hilft: Singt. 

Und wenn es euch wie mir geht, und euch ein Ringen und Kämpfen um den Willen Gottes in der Krise helfen: Ringt mit Gott.

Für alles das habt ihr mein tiefes Verständnis, meine aufrichtige Unterstützung und den Wunsch von Herzen, dass es hilft. 

Und zum Schluss einen herzlichen Dank an alle, die mir bei diesem Thema Mut gemacht haben. Die mich beruhigt haben und mir gesagt haben, dass Zweifel auch zum Glauben dazu gehört. Danke für eurer Mutmachen und für eure Ehrlichkeit – mir hilft es nämlich auch, offen über Zweifel und dieses Ringen mit Gott mit euch zu reden.

Bleibt gesund und behütet!
Eure Theotabea

4 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Manche Akzente würde ich dabei etwas anders setzen. Für mich verweist alles Leben auf Gott. Und zu allem Leben gehören nun mal auch Viren. So wie gefährliche Viren eine Plage für Menschen sind, sind wir Menschen wohl auch eine Plage für andere Lebewesen. Liebe wiederum ist etwas ausgesprochen Lebensfreundliches, deswegen ergibt es auch Sinn, sie als eine wesentliche Ausdrucksform Gottes anzusehen. Die Allmacht Gottes bedeutet für mich, dass Gott mächtig ist in allem, was ist. Ich erwarte keine ständigen groben Eingriffe in das Weltgeschehen, grundsätzich schon mal gar nicht an den Naturgesetzen vorbei. Für mich ist es entscheidend, mich im Leben wie im Sterben in Gott geborgen zu fühlen.

    Danke auch für die Erwähnung und das Bild zum Jakobskampf. „Jakob worstelt met de engel“. Mir gefällt dieser Titel auf Niederländisch besonders gut und die Wendung „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ beschreibt auch viel von meiner eigenen Glaubensentwicklung.

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  2. Ich empfinde Gott auch ganz schön streng……gelegentlich so streng das es mir seelisch weh tut. Im nachhinein war das aber genau richtig. Diese Strenge hat mich schon öfter davon ab gehalten in ein Übel hinein zu geraten. Gott ist auf diese Art gut zu mir und beschützt mich.

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    • Danke für deinen Kommentar. Ich empfinde es so, dass Gott mehrere Seiten hat. Er kann auch ein starker Gott sein oder ein „strenger Gott“, wie du sagst. Ihn so zu erleben, kann wichtig sein, das sehe ich auch so.

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