Warum ich den Reformationstag heute nicht feiere: Weil Kirchen ihre Mitglieder spirituell unmündig machen

Eine These im Geiste der Reformation: Kirchen führen Viele ihrer Mitglieder in die spirituelle Unmündigkeit. Wenn die mittelalterliche Kirche den Menschen den direkten Zugang zu Gott vorenthalten hat, enthalten wir heute den Menschen die selbstbestimmte Ausübung ihres Glaubens in unseren gottesdienstlichen Feiern vor. 

Meine Gedanken heute am Reformationstag

Meine Gedanken bringen mich am Reformationstag nicht in Feierlaune! Sorry, not sorry.
Ich denke heute an mittelmäßig inspirierte Impulspapiere, die von erlesenen Theolog*innen diskutiert werden. Theolog*innen, die eine breite Beteiligung ihrer Mitglieder am Prozess Zukunft der Kirche teilweise fürchten, teilweise davon schlicht überfordert sind. Ich denke an die Müdigkeit vieler junger Pfarrer*innen, die mir erzählen, wie sie vor vier Leuten predigen sollen und, wo der Gottesdienst auf Wunsch von Kirchenvorstands-Mitgliedern stattfindet und, die den Gottesdienst nicht mal selbst besuchen. Ich denke heute an viele, denen ich in Digitaler Kirche begegne und die klagen, in ihrer Gemeinde vor Ort könnten sie sich nicht das abholen, was sie brauchen – was sie digital aber erleben. 

Viele Menschen brauchen keine Kirche für ihren Glauben

Unzählige Menschen sagen zu mir, dass sie an Gott glauben, aber dafür die Kirche nicht brauchen. Setzen wir da an. Denn das ist ein evangelisches Grundproblem: Nach evangelischer Auffassung leben alle ihren Glauben selbstverantwortlich, eine Vermittlung durch die Kirche bedarf es nicht. Trotzdem wundern wir uns, dass so wenige in unsere Gottesdienste kommen. Wir bieten also etwas an, von dem wir selbst sagen, dass es nicht gebraucht wird? Und da hilft auch die Krücke des Theologen Friedrich Schleiermacher nichts, der meint der Glaube würde die Geselligkeit suchen. Er meinte also, wenn ich gläubig bin, würde ich mir schon irgendwie eine Gemeinschaft suchen. Diese Krücke scheitert momentan an der Wirklichkeit, in der wir das anders erleben. 

Was es heißt, im Gottesdienst nicht „satt“ zu werden

Christentum, vielleicht sogar Religion allgemein funktioniert hierarchisch. Der Reformator Luther hat viel verbessert, aber auch eine neue Hierarchie eingefügt: Die Hierarchie der Theolog*innen. Klar, kann ich aufspringen während der Predigt und sagen: „Ich sehe das aber anders.“ Aber Kirche funktioniert nicht wirklich so. Meistens ist nach dem Gottesdienst nicht mal Zeit, über die Predigt zu reden. Man kommt darüber hinweg. Was nicht schlimm ist. Schlimm ist allerdings, wenn ich mir in der Feier nicht das abholen kann, was ich brauche, um satt zu werden. Was gibt es Schlimmeres als von einer Feier mit grummelndem Magen nach Hause zu gehen? Noch schlimmer ist vielleicht für den/die Gastgeber*in, dass ich das nächste Mal einfach nicht wiederkomme. Oder ich esse vorher etwas, das mich satt macht – nur um zu sehen, dass der/die Gastgeber*in beleidigt ist, dass ich sein liebevoll zubereitetes Essen nicht anrühre. Unsere Gottesdienste basieren fundamental darauf, dass eine*r oder wenige etwas vorbereiten und die anderen müssen dann eben dadurch. Kirche hat ein bisschen die „Es wird gegessen, was auf dem Tisch steht“- Mentalität.
Wie passt das in unsere Zeit, in den Gedanken von Beteiligung und Gleichheit? 

Reiner (spiritueller) Konsum macht unmündig

Wenn zu einer Feier nur der/die Gastgeber*in etwas beiträgt, kann mir das essen schmecken oder nicht. Es ist Konsum. Und wenn ich immer nur zu dem/der einen Gastgeber*in gehe, nie was anderes probiere und am Ende glaube, dass seine oder ihre Art zu kochen, die einzig Wahre ist, wäre das doch ziemlich engstirnig. Und wenn mir nicht mal schmeckt, was mein*e Gastgeber*in da ständig kocht, macht mich das unmündig. Übrigens: Wer in den kirchlichen Gottesdiensten bekommt, was er oder sie braucht, freut mich das natürlich. Es scheint mir nur nicht der Normalfall zu sein.

Vielfalt ist Freiheit im Glauben

Freiheit im Glauben war zu Luthers Zeit etwas anders als heute. Ich möchte Freiheit heute als Vielfalt begreifen. Bleiben wir im Bild der Feier: Wenn alle zu einer Feier das mitbringen, was sie selbst mögen, ist eine große Verschiedenheit da – ich kann mein eigenes Mitgebrachtes essen und mein Geschmack ist schon mal bedient und dann kann ich noch bei den anderen naschen und gucken, was ich noch so mag. Vielfalt. Vielfalt wünsche ich mir in unseren christlichen Feiern. Dass übrigens nicht alle super toll kochen können, sei dahingestellt. Aber ich glaube, wir unterschätzen wirklich, wie gut unsere Mitglieder teilweise „kochen“ können.
Für den Gottesdienst heißt das: Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Mitglieder der Kirche wissen, wie sie selbstverantwortlich ihren Glauben leben. Was für den einen das Tischgebet ist, ist für den anderen der Naturspaziergang, für wieder andere die Meditation, der nächste hat über die Musik einen Zugang zu Gott. 

Einzig der Glaube? – Glaube für alle!

Es gibt die berühmten Worte von Luther, dass einzig Jesus Christus, einzig der Glaube, einzig die Gnade, einzig die Bibel zählt. Ich möchte sie so verstehen: Jesus, Glaube, Gnade und Bibel – für alle. All das, was die Kirche den Menschen vorenthalten hat vom Wein beim Abendmahl bis hin zu einer verständlichen Bibellektüre – all das, was die Kirche für sich beim Priester gehortet hatte, das sollte jetzt allen gehören. Glaube für alle, das haben wir. Nur kommen die wenigstens Leute dafür in die Kirche.

Einer schenkt sich voll ein – die anderen kriegen nichts

Luthers Abendmahl, nach Holzschnitt von Lucas Cranach, Quelle: Wikipedia

Hat Kirche ein Problem? Ja, hat sie, mehrere und schon lange. Das ist nichts Neues. Schon der Apostel Paulus hatte an der Urgemeinde einiges auszusetzen. Jesus war mit seinen Gläubigen auch nicht gerade immer zufrieden. Und Luther hat seine Kritik mit einer öffentlichen Wirkkraft rausgepustet, dass so mancher in der Kirche ordentlich erschrecken durfte. Luther glaubte, dass die Kirche den Menschen etwas vorenthalte: Jesus. Und mit „Jesus“ meinte er den direkten Zugang zu Gott. Es geht darum, durch Jesus ohne Vermittlung direkt bei Gott gehört zu werden. Luther war gegen die Vermittlung durch den Priester. Luther war gegen die Sonderstellung, die er sich rausnahm. 

Eindrücklich ist der Kupferstich, auf dem Luther und alle Reformatorischen das Abendmahl ausschenken, sie geben es in die versammelten Massen, sie teilen freigiebig aus, was vorenthalten wurde. Das Abendmahl ist ein Sinnbild für das, was der Priester sich selbst eingeschenkt hatte – denn das Kirchenvolk bekam kein Wein beim Abendmahl. Der Wein war Jesu Blut, so der Glaube, und damit zu heilig für den Pöbel. 

Dass der Priester bei so einem einseitigen Verfahren satt wird, bezweifele ich übrigens. Das deckt sich mit der Erfahrung vieler junger Pfarrer*innen: Sie werden nicht satt, sie werden müde.

Die andere Hälfte der Reformation und eine neue Trennlinie

Viele sagen, Luther hätte die Reformation nicht zu Ende gedacht. Da ist schon etwas dran, denn Luther liebte die Ordnung. Deswegen brachte er das Amt des/der Pfarrer*in in Ordnung – und zog eine neue Trennlinie. Nicht die Heiligkeit bzw. die Würde des/der Pfarrer*in sollte ihn oder sie künftig herausheben, sondern sein/ihr theologisches Examen. Die neue Trennlinie sollte im religiösem Wissen bestehen: Der Theologe, die Theologin konnte die Bibel aus dem Originaltext übersetzen und deswegen auslegen. Der Laie oder die Laiin kann nur eine Übersetzung benutzen und ist somit schon weiter weg vom göttlichen Wort des Originaltextes.

Gebraucht wird ein selbstbestimmtes Glaubensleben, auch in Kirche

Ich möchte keinen Masterplan auspacken und sagen: So geht’s Leute, folgt mir nach. Das ist gar nicht im Sinne von Beteiligung und Gleichheit. Vielleicht brauchen wir eine neue Suchbewegung. Eine Suche nach Spiritualität, nach Gemeinschaft und nach einer gottesdienstlichen Form (oder vielleicht auch mehreren Formen). Eine Form wo alle sich einbringen können, die möchten, ein Form, die offen und frei ist, eine Form, die selbstbestimmtes Glaubensleben fördert. 

Holt euch von Kirche, was ihr braucht!

Was mir wirklich Mut macht, sind Ehrenamtliche, die auf den Tisch hauen und, die das einfordern, was sie für sich und ihren Glauben brauchen. Menschen wie @stlist, die sagen: „Ich brauche Mystik für mein Glaubensleben und ich möchte #DigitaleKirche vor Ort einbringen.“ Menschen wie @bernd_kampmann, die alles tun würden – auch im Lockdown -, damit Leute weiterhin Kirchenmusik hören, weil er weiß, dass Musik die frohe Botschaft verkündet. Menschen, die ich bei meinem Projekt #EKHNbesuchtDich treffen durfte: Wir haben fünf ganz verschiedene Menschen besucht, die ihr Ding mit Kirche machen.. „Solche Menschen brauchen wir“, meinte mein Kollege im Medienhaus, als wir zusammen das Material gesichtet haben. Ja, solche Menschen brauchen wir. Toll, dass es euch gibt!

Ich wünsche mir, dass Kirche mehr wie ein Barcamp wird

Eine große Inspiration in den der letzten Woche war das Barcamp #DigitalesPfarrhaus für mich. Bei einem Barcamp, der sog. „Unkonferenz“ können sich alle abholen, was sie brauchen. Das ist das Motto. Alle sind wichtig und es sind immer genau die richten Leute in einer Gesprächsrunde, um ein Thema voran zu bringen. Was wenn immer genau die richtigen Leute im Gottesdienst sind, um Gott zu feiern? Um Gott auf ihre Art zu feiern. Und dabei selbstbestimmt abzuholen, was wir brauchen. Ich wünsche mir, dass Kirche mehr wie ein Barcamp wird. Ich wünsche mir, dass Kirche weniger Konsum der immergleichen Küche ist. Ich wünsche mir, dass Kirche mehr ein reichhaltiges, vielfältiges Buffet wird, an dem alle willkommen sind.
Und mal ehrlich: Klar, verschließt niemand jemandem die Kirchentür – aber man ist nicht willkommen an einem Ort, wo es nichts für einen gibt. 

Deswegen bin ich heute am Reformationstag nicht in Feierlaune – und freue mich einfach auf einen Spaziergang in der Natur.

Eure Theotabea

3 Kommentare

  1. Die Trennlinie setzt im Hierarchiesieren der Ordnung an.
    Der Pfarrer als Theologe sollte die Ursprachen können, um den Text gut auszulegen.
    Aber die anderen in der Gemeinde sollten immerhin so mündig sein, die Bibel selber in der Muttersprache zu lesen. Das Revolutionäre war damals, dass somit alle lesen können mussten. Und die Schulbildung so Allgemeingut wurde. Bildung als Auftrag der Reformation. Alphabetisierung für die Lektüre der Bibel.
    Ich kannte es übrigens noch aus dem pietistischen Bergischen Land, dass manche ihre Bibel zum Gottesdienst mitbrachten, zur Predigt beim Predigtext mitlesen und so die Auslegung mitverfolgten. Mögliche Kritik nach dem Gottesdienst inklusive.
    Die Menschen auf der Kanzel brauchten hier keine Angst zu haben, dass sie in einer Hierarchie hätten nach oben rücken müssen.

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  2. Ich habe den Reformationstag auf meine Weise gefeiert. Vaterunser gebetet und dann bin ich Geocachen gegangen. Als Christin die im Kirchenchor und in einem Gospelchor ist, fühle ich mich momentan von der Kirche im Stich gelassen. Ich habe eMails an einige Kirchenmitglieder und an 2 Pastoren gesendet um gemeinsame Lösungen zu finden wie es weiter geht. Ich habe bis heute keine Antwort bekommen. Jetzt stell ich mir die Frage?………… Will mich die Kirche überhaupt noch? Bin ich der Kirche egal? Warum können wir nicht per eMail diskutieren? Warum können wir nicht per Sype diskutieren?………. Warum schweigt die Kirche? …………. Oder ist die Kirche momentan mit der Corona Situation überfordert? Ich weiß es nicht……………. eine Antwort wäre schön, eine Antwort kann auch über das Internet kommen. Ich habe mir vor genommen ab zu warten und erst einmal nicht in die Kirche zu gehen. Gläubig bleibe ich, meinen Glauben tut das keinen Abbruch. Der Glaube bedeutet mir sehr viel.

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